Reisebericht

Seattle – Portland – State Rock – Crater Lake NP – Lava Beds NP – Lassen Vulcanic NP – San Francisco – Silicon Valley – Kings Canyon NP – Bakersfield – Las Vegas – Zion NP – Bryce NP – Page – Grand Canyon NP – Williams – Blythe – Yoshua Tree NP – Los Angeles – Universal Studios – Long Beach

Noch 5 Tage…

Heute dran: Papa

Neben den üblichen Reisevorbereitungen beschäftigt der Streik von Air France ab dem 24.06.2016, 0:00 Uhr. Wir fliegen um 7 Uhr mit Air France von Hannover nach Paris und dann nach Seattle. Oder eben auch nicht. Es besteht Hoffnung. Nach Paris fliegt die Billigfluglinie Hop! im Auftrag von Air France, die sind nicht vom Streik betroffen. Und nach Seattle der Partner Delta Airlines. Die auch nicht. Soviel zur Theorie.

Sonst war der Tag ausgefüllt mit Vorbereitungen. Handy, SIM, Akkupacks, Medikamente und diese Site waren heute Thema.

 

24. Juni, Hannover – Seattle

 

Der angekündigte Streik von Air France findet nun doch nicht statt. Was den Flieger von Hannover nach Paris nicht daran hindert, eine Stunde verspätet zu starten. Er steht bereits viel früher da, aber die Crew muss noch ihre Ruhezeiten einhalten. Die Verspätung war mir morgens mit nicht weniger als 3 Emails von Air France angekündigt worden. 2 kündigten eine Verspätung an, eine sagte sie ab. Leider mehr Ankündigungen als Absagen.

In Paris wird die Jagd nach dem Anschlussflieger dann natürlich hektisch, für viele andere Passagiere geht sie definitiv verloren. Die haben dann eben keine Ruhezeit. Was ich noch nicht weiß: Einer unserer 4 Koffer wird das Rennen auch verlieren…

Beim Boarding wird ausgerechnet meine 14jährige Tochter „vom System ausgewählt“, ausgiebig untersucht zu werden. Alles raus aus der Tasche, abtasten lassen. Alles, während weit fragwürdigere Gestalten gut gelaunt vorbeigehen.

Der Flug verläuft glatt, die Abfertigung wie in den USA gewöhnt aufwendig, aber freundlich und so schnell es eben geht. Ich habe 6 Stationen gezählt, an denen der Pass noch einmal gezeigt werden musste.

Beim Einsammeln des Gepäcks stellte sich das Fehlen eines der 4 Koffer heraus, der des Sohnes. Allerdings mit meinem Rasierer, weshalb ich in diesem Urlaub gleich am ersten Tag mit dem Verwittern beginne. Für den Koffer veranlasse ich die Weiterleitung nach Portland, einer weiteren Reisestation, wo ich ihn dann hoffentlich abholen kann. Fürs Warten in Seattle ist keine Zeit. Um es vorwegzunehmen: Wir sollten den Koffer in Portland zurückbekommen.

Der Hotelshuttle ist schnell gefunden, das Hotel dann natürlich auch. Ein betagtes Hotel keine 100m neben dem Rollfeld, das uns aber alles notwendige bot. Natürlich liegt unser Zimmer zur Seite mit dem Rollfeld.

Weil wir nur diesen Tag in Seattle sind, müssen wir unbedingt noch zur Space Needle. Hotelshuttle – 40min Zug – 2km gehen. Normalerweise. Heute sind es 3, denn die Polizei sperrte Downtown wegen eines Besuches von Obama. Den sehen wir nicht, aber hunderte Polizisten, gepanzerte Mannschaftswagen und eine wenigstens 20köpfige wartende Motorradeskorte.

Im Zug zurück kracht Marc mit dem Kopf auf den Vordersitz, als er plötzlich einschläft. Und Mama Olga kippt fast zur Seite, wenn man sie nicht ein wenig stützt.

Um 20 Uhr Ortszeit bin ich mit einer nun seit 24 Stunden wachen Truppe wieder im Hotel.

 

25. Juni, Seattle – Portland

 

Wir probieren morgens das erste Mal Uber aus, um vom Hotel am Flughafen zur Wohnmobilvermietung Apollo zu kommen. Binnen 2 Minuten ist ein Toyota Prius da, der uns wirklich günstig die 30 Meilen von Seattle nach Tacoma bringt. Mein erstes Mal Prius. Die Darstellung der Antriebsarten, die er gerade benutzt, weiß schon zu begeistern. Mein Favorit ist das Auto nicht, denn es ist kein Plug-In, also kann er nicht rein elektrisch fahren. Nur 30 elektrische Kilometer und Sprit wäre in meinem Leben weitgehend vermeidbar. Der auffällig pigmentierte Fahrer hatte 2 Jahre in Deutschland im Profifußball verbracht, bis ihm die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung machte. Die gesamte Abrechnung der Taxifahrt geht automatisch über Uber und Kreditkarte, selbst das Trinkgeld wird so abgerechnet. Also nur Aussteigen und fertig.

Die Übernahme des Wohnmobils zieht sich hin. Der Standort auf einem eher schäbigen Hinterhof ist noch neu, das Team nicht eingespielt. Erst nach einer Stunde sind wir mit den Formalitäten dran. Die Einweisung geschieht mit 5 anderen Familien dreier Nationalitäten zusammen und reicht aus, um das Wohnmobil kennenzulernen. Wir hatten auch vorher schon alles auf YouTube gesehen. Unser Mobil hätte währenddessen saubergemacht werden sollen, aber der Mitarbeiter zieht Videospiele auf dem iPhone dem Job vor, den er prompt vor unseren Augen verlor und das mit einem Spucken in Richtung Chef quittiert.

Schließlich haben wir auch das Bettzeug und den letzten Adapter und können los. Automatik! Ich nutze einen leeren benachbarten Parkplatz, um das Fahren gefahrlos auszuprobieren. An Automatik gewöhnt man sich schnell, nur umgekehrt wird es schwer. Nach dem letzten Mal Automatik bekam ich mein Auto zuhause kaum rückwärts aus der Garage. Nach dem Test beginnt unser Abenteuer.

Das Mobil ist ein Minnie Winnie von Winnebago auf Ford Basis und fährt sich wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Das Klappern lässt sich durch besseres Verstauen wohl noch verbessern. Es ist seitenwindempfindlich und mag keine Lastwagen. Die schieben eine Druckwelle vor sich her, die den Wohnwagen stets um gemittelt 30cm versetzt, bevor man gegensteuern kann.

Mein erstes Match Box Auto war auch ein Winnebago, das noch nicht mal viel anders aussah. Und jetzt habe ich ein echtes!

Richtung Portland suchen wir noch einen Supermarkt auf, um uns mit dem Wichtigsten einzudecken. Wie freundlich die sind. Man muss nur fragend schauen und sie helfen einem. Die Preise sind allerdings gesalzen.

In Portland schließlich, das wir über die Navigation mit Here Maps erreichten, gelingt die Überraschung meiner russischen Nichte Kristina, die hierher geheiratet hat. Ihr Mann weiß seit Monaten Bescheid und wir stehen im Garten, als sie herauskommt und uns sieht. Alle drücken ein paar Tränen weg, es gibt Geschenke, darunter ein Fotobuch über das Leben meiner Nichte, und nun werden wir uns 3 Tage Portland zeigen lassen.

Der eingeweihte Gastgeber hatte einen Abend mit Freunden vorgetäuscht, die er ebenfalls eingeweiht hatte. Die bestätigten Kristina die Einladung, kamen aber nicht. Und so kommen wir zu einem sehr guten Essen, das eigentlich für andere vorgesehen war. Die beiden Mädchen meiner Familie dürfen im Haus schlafen, ich und mein Sohn freiwillig das erste Mal im Wohnmobil.

Übrigens erreicht uns abends noch der Anruf, dass der Koffer Portland erreicht hat. Der Gastgeber fährt mich zum nahen Flughafen, findet aber im Ankunftsbereich keinen Parkplatz. Ich steige an der richtigen Stelle aus, finde den Koffer binnen einer Minute, bekomme ihn, ohne etwas vorzeigen zu müssen und hole den Wagen im dichten Stau nur 50 Meter weiter zu Fuß mit Koffer wieder ein.

 

26. Juni, Portland Wahclella Falls

 

Vormittags bekommen wir ein leckeres Frühstück in einem Kaffee, wo 3 Baristas ihren Job wirklich mit Leidenschaft erledigen. Das ist von unserem Wohnort zu Fuß erreichbar. Auffällig viele Fahrradfahrer gibt es hier. Sie haben keinen eigenen Weg, aber es wird viel Rücksicht genommen. Ich erlebe nicht eine kritische Situation. Viele erledigen Einkäufe oder Kindertransporte mit einem Fahrrad, was in den USA wohl einmalig ist. Und zwischen all den Riesenautos verstecken sich nicht wenige Elektrofahrzeuge. Elektrosmart, Chevrolet Spark in Elektro, BMWi3 und einige Teslas.

Nachmittags machen wir einen Wanderausflug zu den Wahclella Falls. Auf dem Weg gibt es den nahen Vulkan Mount St. Helen zu sehen, der Anfang der 80er mal einen rabenschwarzen Tag hatte. Sieht friedlich aus.

Abends gab es noch ein aufwendig zubereitetes Abendessen. Ein leckerer Salat mit Zutaten ausschließlich aus einem nahen Bioladen mit örtlichen Produkten, der so riesig wie bei uns ein normaler Supermarkt ist.

Für meine Mädchen gibt’s ein Gästebett im Haus, ich schlafe mit dem Sohn im Wohnmobil. Gar nicht mal schlecht, der Jetlag verflüchtigt sich langsam.

 

27. Juni, Portland

 

Der letzte Tag in Portland. Morgens machen wir einen Ausflug zum Rosengarten, eine Fahrt durch Downtown und nachmittags gehen wir Baden an einen See, der auf der anderen Seite des Columbia River in Vancouver liegt.

Erwähnenswert finde ich die grünen Fahrspuren, die sich neuerdings durch Downtown winden. Fahrradspuren auf Kosten von Autospuren. Na bitte, geht also auch hier.

Abends lassen wir uns mexikanisches Essen kommen und führen ein letztes Mal ein langes Gespräch in Familie.

 

28. Juni, State Rock

 

Wir haben heute Morgen die Sicherheit unserer Familie in Portland verlassen und das eigentliche Abenteuer begonnen. Die Fahrt geht aus Portland hinaus am Mount Hood vorbei durch die Cascades, einer Gebirgskette vulkanischen Ursprungs, die sich bis nach Kalifornien erstreckt. Dabei verändert sich die Landschaft von dicht bewachsenen Wäldern zu einer Karstgegend hauptsächlich mit Gräsern. An einer Stelle schneidet ein Fluss durch die Landschaft, die wie ein Grand Canyon in klein aussieht. Der Highway schlängelt sich hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf. Das arme Wohnmobil quält sich zum ersten Mal sehr. Immerhin habe ich eine Stellung am Hebel entdeckt, mit der die Automatik die Motorbremse ausnutzt. Durch Madras geht es in den State Rock Park. Es ist meine erste beeindruckende Wild West Landschaft. Jedenfalls habe ich sie mir so vorgestellt. Zwischen den riesigen Felsen sind Kletterer, durch die Landschaft fließt ein kleiner Fluss. Die Hitze ist jetzt schon kaum erträglich und wir sind noch weit nördlich.

Anschließend fahren wir zum High Desert Museum, das wir erst eine halbe Stunde vor Schließung erreichen. Man will uns trotzdem nur Karten für den gesalzenen vollen Preis verkaufen wollte. Dann eben nicht. Für heute haben wir in keinem Campingplatz eine Reservierung, also folgen wir Schildern an der Fahrbahn. Der erste Park hat ein Plätzchen mit Rasen ohne Anschlüsse für uns. 57 Dollar.

Der zweite kostet 40 Dollar mit voller Versorgung und Wifi, allerdings liegt er direkt am Highway. Mit gutem Zureden kann ich ganze 3 Stellplätze zwischen mich und den Highway bringen. Zwischen all den Nachbarmobilen wirkt meines recht verloren. Das rechts daneben ist ein umgebauter Truck mit ganzen 5 Slideouts, 2 Motorbikes im Huckepack und einem angehängten Porsche Cheyenne. Über das links will ich nicht reden.

Der erste Anschluss (Full Hookup) des Wohnmobils gestaltet sich ziemlich leicht, es ist selbsterklärend. Wir haben Strom, fließend Wasser ohne eigene Pumpe und graues und schwarzes (Toilette) Dreckwasser verlassen uns auf direktem Wege.

Das Leben an Bord muss sich erst noch einspielen. Wenn 4 Leute auf winzigem Raum hin- und her kramen, legt ständig einer die Sachen der anderen beiseite, die dann suchen müssen. Das Ganze ist sehr konfliktbeladen und ich kann nur hoffen, dass sich das noch einspielt. Zum Beispiel sollten 2 einfach sitzen bleiben, wenn die anderen 2 bereits herumwühlen.

Das 140cm breite Bett hinten erweist sich als zu schmal für zwei, darum darf ich die Sitzecke für mich umbauen…

 

29. Juni, Crater Lake

 

Mein Leiden dauert nicht lange, weil es meinem Chef nachts kalt wird. Frühmorgens darf ich wieder mit ins Bett. So warm es tagsüber ist, so kalt ist es nachts. 7°C. Das Wohnmobil kühlt langsam aus, die Decken sind nur dünn. Immerhin sind die Decken so groß, dass man sie doppelt nehmen kann. Dann ist es gut auszuhalten.

Morgens fülle ich Frischwasser auf und werde die Altlasten los. Man nennt das hier ‚dumpen‘ und es ist denkbar einfach. Wir verlassen schweren Herzens die beiden Nachbarwohnmobile. Heute geht es zum Crater Lake, unserem ersten Nationalpark. Die Landschaft hat sich wieder normalisiert und sieht recht grün aus. Die Karstlandschaft gestern ist wohl einer Hochebene zu verdanken. Nach einstündiger Fahrt sind wir am Parkeingang und sollen beim Ranger 15 Dollar für die gesamte Familie bezahlen. Das ist nicht zu viel, trotzdem wählen wir stattdessen eine 80 Dollar Karte, denn mit der kommen wir in alle weiteren Parks auch hinein. Leider ist der Einlass zum Park so eng, dass ich einen weit herausstehenden Außenspiegel gegen ein hervorstehendes Schild knalle. Der Ranger verzeiht es mir und der Außenspiegel auch. Man kann für solche Fälle den Spiegel eigentlich einklappen.

Der Crater Lake misst 8km im Durchmesser und ist 500m tief. Früher war hier ein Vulkan, nach einer Explosion vor 7000 Jahren ein Loch. Die Wände ringsherum sind nahezu unzugänglich, es geht steil hinab. Das Wasser ist so klar blau, wie ich es noch nirgendwo sonst gesehen habe. Man kann drum herumfahren, wobei es seitlich der Straße ziemlich weit hinabgeht. Und ringsum gibt es immer wieder Aussichtspunkte.

Wir sind dann noch in einem Supermarkt, bei dem ich bestimmt 40% mehr als in der Heimat zu bezahlen habe.

Der Tag endet am KOA Campingplatz in Klamath Falls, der winzig klein ist, aber sogar einen Pool hat. Anders als die Asphaltfläche von gestern ist es hier mit Rasen und einem Bächlein hinter dem Wohnmobil sehr idyllisch. Wenn’s denn ein Bächlein bleibt. Und drinnen badet grade ein winziger gelber Vogel, der sich von mir nicht beeindrucken lässt.

 

30. Juni, Lava Beds

 

Die Nacht wird unruhig, weil dauernd Vögel über das Dach des Wohnmobils hüpfen. Irgendwann hat man sich auch daran gewöhnt.

Der Tag beginnt mit dem Nationalpark ‚Lava Beds‘, der unweit von Klamath Falls liegt. Damit haben wir dann auch Oregon verlassen und Kalifornien erreicht. Bisher misstraute ich meiner Jahreskarte für Nationalparks, wir müssen aber wirklich keinen Eintritt mehr bezahlen. Der Park ist ein riesiges Feld mit Lava,  also unregelmäßigen Gesteinsbrocken allerorten. Unterhalb dieser Fläche sind noch diverse Höllen, die teilweise das Gelände kilometerweit durchziehen. Es ist jedem freigestellt, dort hinein zu gehen und woanders wieder herauszukommen. Weil Papa Dirk aber die teuren Helme nicht zahlen will und die Taschenlampe nur für das Wohnmobil reicht, endet der Ausflug prompt. Einer hatte zu viel Angst, der nächste eine Beule.

Ansonsten fahren wir durch riesige Täler mit fantastischen Landschaften, die sehr wohl noch grün sind. Es gibt recht farbige Vögel, possierliche Pelztierchen und leicht vergrößerte Insekten. Und bisher nur einen Mückenstich in der Familie.

Eigentlich wollen wir heute ja auch noch den ‚Lassen Vulcanic‘ Nationalpark besuchen, kommen dort aber zu spät an. Wenn wir morgen früh aufstehen, schaffen wir das noch vor den 400km nach San Francisco.

Der Minnie Winnie hat sich als ein treuer Begleiter erwiesen. Er ist mit wenig Aufmerksamkeit zufrieden und tut seinen Dienst. Nur Sprit säuft er wie ein Loch. Erwähnenswert nebenbei: Es erweist sich als überaus praktisch, immer ein Klo dabei zu haben. Allein das rechtfertigt schon diese Klapperkiste, die wir allmählich liebgewinnen.

Der Tag endet wiederum in einem KOA Zeltplatz, der einmal mehr idyllisch in einem Nadelwald gelegen ist. Ein kleines Baumgrüppchen mit Sitzgarnitur erweist sich als sehr komfortabel.

 

01. Juli, Lassen Vulcanic

 

Die Fehlplanung mit dem Lassen Vulcanic Nationalpark muss ich heute wieder verbessern. Dazu müssen alle um 7 aufstehen, was mich einige Sympathien kostet. Das Wohnmobil ist nur an Strom angeschlossen gewesen, darum führe ich morgens noch einen Service an zentraler Stelle des Parks durch. Kurzum – Strom, Wasser, Scheiße. Seltsamerweise ist in solchen Situationen niemand sonst aus meiner Familie anwesend. Nun – sie werden wichtigeres zu tun haben.

Heute also müssen wir doch noch in den für gestern geplanten Park und dann noch nach San Francisco. Zunächst müssen wir 12 Meilen zurück zum nördlichen Parkeingang fahren. Dieses Mal klappe ich artig den Spiegel ein, aber die Rangerin schaut trotzdem ängstlich auf den Spalt zwischen Minnie Winnie und ihrem Häuschen. Auf den ersten Zweidritteln des Parks war nichts auffällig. Nadelwälder, manchmal mitten in Geröllfeldern und hier und da ein Aussichtspunkt. Aber dann. Es geht steil den Berg hoch zum Lassen Peak, dem eigentlichen Vulkan. Schnee, steile Abhänge, enge Straßen und mittendrin mein riesiger Minnie Winnie. Vom Parkplatz unterhalb der Bergkuppe haben wir dann ein wunderschöner Ausblick auf die gesamte Gegend. Wer will, kann noch 4 Stunden lang durch tiefen Schnee auf den Gipfel steigen. Wir wollten nicht. Beim Abstieg mit dem Wohnmobil sehen wir einige Stellen mit aufsteigendem Dampf. Aus der Nähe entpuppt sich das als Schwefelgeruch aus kochenden Pfützen. Das kenne ich sonst nur aus dem Fernsehen.

Anschließend müssen wir uns beeilen, um noch nach San Francisco zu kommen. 200 weitere Meilen durch die Hitze in unserem seitenwindanfälligen mobilen Zuhause. Erst gibt es noch einen Canyon zu bewundern, dann tanken wir in Red Bluff. An uns vorbei fährt mit viel Geheule die Feuerwehr. Später auf der Interstate wird der Grund klar – brennende Strohfelder. Neben der Feuerwehr ist auch ein Hubschrauber mit Löschvorrichtung im Einsatz.

Weit vor San Francisco weitet sich die Straße auf 6 Spuren und die Fahrt wird zähflüssig. In der Gegenrichtung ging nichts mehr. Es kostet mich einige Nerven, mit dem Minnie Winnie in diesem Verkehr mit zu schwimmen und immer die richtigen Spuren zu finden. Schließlich aber sind wir rechtzeitig im reservierten Golden Gate Trailer Park in Sausalito angekommen. Der bisher teuerste und mit Abstand schlechteste RV-Park überhaupt. Nebenbei der einzige in der Gegend, in dem ich nur bleiben darf, weil ich im Februar reserviert habe. Neben mir jede Menge abgebrochene Gestalten, die teilweise dauernd hier leben. Die Wagen stehen dicht an dicht, nicht wie sonst mit Platz für ein bis zwei weitere Mobile dazwischen. Auch die übliche Sitzgarnitur fehlt.

Als direkten Nebenmann habe ich einen Soldaten in Rente, der 5 Jahre in Berlin Artillerist gewesen war. Ich helfe ihm, seine Markise zu reparieren, dafür gibt er mir  das Werkzeug, um mein Fliegengitter an der Eingangstür in Ordnung zu bringen.

Sind fix und fertig wie eigentlich jeden Abend. Papa geht buhbuh.

02. Juli, San Francisco

 

Der Tag beginnt um 7 Uhr. Einmal mehr bin ich in den gefängnisähnlichen Duschräumen alleine. Der Rest des Campingplatzes hat es nicht so mit Hygiene. Als ich den Blick schweifen lasse, fällt mir ein Wohnmobil auf, das komplett mit Tomaten umpflanzt ist. Was ist daran mobil? Das habe ich mich schon angesichts der Kleingärten mit Zaun (!) auf manch einem deutschen Campingplatz gefragt. Ich habe einen Platz direkt am Klohäuschen. Der Grund fällt mir jetzt erst auf. Das Häuschen verkürzt den Platz und mit meinem 25ft Wohnmobil habe ich unter 50 Stück das kleinste. In Deutschland könnte ich hiermit punkten. Und auch wenn die amerikanischen Straßen großzügig sind, möchte ich doch kein Größeres haben. Das Fahren auf 6 Spuren vor großen Städten und die vielen Abzweigungen sind doch recht anspruchsvoll.

Minnie Winnie hat heute Pause. Wir setzen uns zu Fuß von unserem ‚Golden Gate Trailer Park‘ in Richtung Fähre in Bewegung. Dort ziehen wir Tickets aus einem Automaten. Eigentlich sind das meine natürlichen Feinde, aber dieser tut seinen Job und – ein Novum für mich – gibt Wechselgeld zurück. Ich schaue mich noch einmal misstrauisch um: „Hat das Gerät einen neuen Weg gefunden, mich zu verarschen?“ Die Fähre braucht eine Stunde an Alcatraz und der Golden Gate Bridge vorbei nach San Francisco. Eigentlich dachten wir, nach den 40° Grad gestern würde heute bei der Stadtbesichtigung unser Ende kommen, aber es gab einen Temperatursturz auf 14 Grad. Wir brauchen erstmals sogar Jacken. In San Francisco absolvierten wir dann die wohl üblichen Stationen: Fishermans Wharf, Telegraph Hill, Chinatown, Downtown, Union Square, Lombard Street und die Cable Cars. Alles zu Fuß über etliche Kilometer über – völlig unerwartete – Hügel, was die Laune der Teilnehmer absenkt. Ein Mac Donalds wirkt Wunder.

Die Lombard Street gefällt uns der Blumen wegen am besten. Dort fahren die Autos in stark abschüssigen und engen Serpentinen hinunter. Das empfinden sicher viele so, denn durch das Gewühl der Touristen gibt es kaum ein Fortkommen. Trotzdem sehr schön!

Zwischendurch bleiben wir für eine halbe Stunde in einer Bar, weil dort gerade das Viertelfinale Deutschland gegen Italien läuft. Mit Verlängerung und Elfmeterschießen. Die Amis im Lokal sind neutral und begrüßen jedes Tor. Kaum gewonnen, zeigen sich auf der Straße grölende Landsleute.

Auch hier ist die hohe Anzahl von Fahrrädern mitsamt extra Fahrstreifen nebst vieler Elektrofahrzeuge auffällig. Es gibt noch weitere Fahrzeuge, die ich nie gesehen habe. Kleine Dreiräder, die man als Tourist zur Stadtbesichtigung anmieten kann und Elektrofahrräder ohne Treten.

Um 19 Uhr sind wir froh, wieder in der Fähre zurück zu sitzen. Beim Anlegen hatte offenbar ein übereifriger Matrose die Gangway zu weit hinausgezogen und das Schiff fährt dagegen. Auf dem ersten Oberdeck Deck wirde dabei eine Metallplatte mit zwei Fenstern teilweise aus dem Schiff gerissen und die Einzelteile der Fenster über einige Passagiere verteilt. Es gibt aber keine Verletzten.

Inzwischen fühlt es sich an, als würde man im Minnie Winnie zuhause ankommen.

Offenbar wird mein Blog gelesen und ich habe Kommentare bekommen. Danke! Es wird nach den Eindrücken meiner Familie über diese Reise gefragt. Leider möchte niemand den Blog übernehmen. Es liegt vielleicht daran, dass meine Mannschaft abends sofort einschläft. Sie beschweren sich nur kraftlos über das Klackern der Tastatur. Aber ihnen gefällt die Reise. Sie wissen, das ist einmalig und sie nehmen die Unannehmlichkeiten des Minnie Winnie in Kauf. Ja, wir streiten uns sogar nur oft und nicht sehr oft wie sonst. Doch, ich denke, es war endlich Zeit für diese Reise, von der wir schon lange geträumt und auf die wir schon lange gespart haben. Für meine Tochter ist es sicherlich noch einmal eine wichtige Entscheidungshilfe, ob sie demnächst wirklich ein Auslandsjahr in den USA machen möchte, oder nicht.

Heute Abend kann ich wie so oft den Blog nicht updaten, weil das Wifi auf dem Campingplatz ausgelastet ist. Die Übertragung bricht immer wieder ab. Ich schreibe trotzdem und warte auf meine Chance in den nächsten Tagen.

 

03. Juli, Silicon Valley

 

Wir haben heute früh Larkspur verlassen und sind über die Golden Gate Bridge gefahren. Die erfordert Maut, was aber nicht vor Ort bezahlt werden kann. Ich musste, kaum, dass mir das Kennzeichen des Wohnmobils bekannt war, online eine Überfahrt buchen. Offenbar erkennen Kameras die Zahlung aufgrund meines Nummernschildes. Hoffentlich. Wenn nicht, gibt’s den Visa Einzug vom Vermieter nebst 75 Dollar Gebühr. Mautgebühr etwa 7,50 Dollar.

Die Wolken hingen tief, also fahren wir im Nebel über die Brücke. Man kann dennoch etwas sehen und wir filmen natürlich die ganze Überfahrt. Ich habe Angst vor Seitenwind, aber die ist unbegründet. Außer den Autos gibt es jede Menge Radfahrer, Jogger, und Fußgänger.

Anschließend halten wir noch an einer Aussichtsplattform für eine Fotosession, die vormals eine Küstenbatterie zum Schutz des Hafens gewesen sein könnte. Dann fahren dann weiter nach Mountain View, unser verehrtes Google besuchen. Es ist Sonntag und es sind auf ausreichend vielen Parkplätzen nur Touristen da, die Google offenbar wie einen heiligen Gral verehren. Also so wie wir. Google ist ein weitläufiges Gelände mit vielen, niedrigen Gebäuden. Alles in grün, die Google Farben dominieren. Es gibt auch ein Geschäft mit Google Artikeln, aber das hat am Sonntag natürlich zu. Wir drücken uns dann eben die Nase am Schaufenster platt. Daneben sind die Android Betriebssysteme als Süßigkeiten aufgebaut, also Marshmellow oder Donut. Auffällig sind die vielen Ladestationen an den Parkplätzen und etliche Chevrolet Spark, die elektrisch funktionieren. Wir haben einen herkömmlichen Spark zuhause, das macht es umso interessanter.

Danach ist die böse Seite der Macht mit der Besichtigung dran. Der neue Apple Campus 2 in Cupertino. Riesig, furchteinflößend, unfertig, ein furchtbares Maul ist wohl die Einfahrt in die künftige Tiefgarage. Ich meine, es hängt sogar eine dunkle Gewitterwolke über dem riesigen runden Gebilde, was in Kalifornien sicher selten ist. Ich habe das schon mal gesehen, einen Augenblick. Mordor! Morder in ‚Herr der Ringe‘ sieht genauso aus. Bloß weg.

Es folgte ein ewig weiter Ritt mit dem armen Minnie Winnie durch die Weiten Amerikas bis zu einem Campingplatz nahe des Yosemite Nationalparks. Zwischendurch mache ich den Fehler, meine Mädchen sich die Beine vertreten zu lassen. Das Bekleidungsgeschäft entdecke ich zu spät. 173 Dollar. Extreme Serpentinenwege bringen uns auf einen Berg mit dem Campingplatz. Das Navi zeigt mir eine Route an, die für Wohnmobile nicht zugänglich ist. Glücklicherweise bemerkt der Sohn das Warnschild gerade noch rechtzeitig. Ich muss nur ein paar Meter rückwärtsfahren und die Autos hinter mir bleiben geduldig. Nochmal davongekommen. Als ich an der Kreuzung den anderen Weg nehme, kommt rückwärts ein zweites Wohnmobil den engen Weg hinunter.

Beim rückwärts einparken blamierten wir uns fürchterlich. Werde mit meinem Sohn morgen die taktischen Zeichen der Bundeswehr üben, die haben immer geholfen. Rechts, links, stopp, Motor aus.

Später fiel das Atmen schwer, weil sehr viele der Nachbarn ihren Grill befeuerten.

 

04. Juli, Yosemite

 

Nach einer sauerstoffarmen Nacht fahren wir früh los. Der Plan sieht vor, dass wir Yosemite an einem Montag erreichen, damit die Ausflügler weg sind. Der Plan sieht nicht vor, dass dieser Montag der amerikanische Nationalfeiertag ist. Mit doppelt so vielen Ausflüglern. Immerhin kommen wir früh genug an, um uns zweimal jeweils 4 Parkplätze an den touristischen Schwerpunkten mit dem Minnie Winnie zu sichern. Der Park ist zwar riesig, aber richtig beeindruckend ist nur das Yosemite Valley selbst, mit riesigen Felswänden und hohen Wasserfällen. Einige Bäume kommen mir unnatürlich groß vor. Wir machen zwei kurze Wanderungen und sind dann fix und fertig von der Gluthitze, die uns wieder eingeholt hat.
Vor dem Hintergrund erschließt sich mir auch der Sinn des Toasters, der zur kargen Grundausstattung des Minnie Winnie gehört. Man kann sich mit ihm vermutlich die Hände kühlen, wenn man denn einen Stromanschluss hätte.
Abends füllen wir unsere Vorräte in einem Supermarkt bei Fresno auf und steuern dann spontan einen Campingplatz in Richtung Sequoia Nationalpark an. Der ist rudimentärer als alle vor ihm, aber einen weiteren möchten wir nicht mehr suchen. Hinter dem Wohnmobil ist wieder ein Bach, leider ist der mit Plastik verschmutzt. Und doch schaute mich plötzlich ein Biber an. Nach ein paar Mückenstichen gebe ich mein Plätzchen auf. Nächstes Mal nehme ich meine Tochter als Opferanode für die Mücken mit.

Der Campingplatz liegt weit außerhalb von Fresno, man kann das Feuerwerk zum Nationalfeiertag nur erahnen. Auf dem Platz ist das verboten, die Gegend ist leicht entzündlich. Es dauert denn auch nicht lange, bis entfernt Sirenen zu hören sind.
Ich werde wohl von Serpentinen und Motorbremse träumen.

 

05. Juli, Kings Canyon

 

Ich mache morgens immer den Anfang und lasse meine Familie schlafen. Beim frühmorgendlichen Marsch zum Toilettenhäuschen erscheint ein riesiges Insekt vor meinem Kopf und bliebt dort stehen. Bevor ich instinktiv die Flucht ergreife, erkenne ich einen winzigen Vogel, der nach 3 Sekunden weiter fliegt. Sowas will ich auch im Garten haben.
Die Dusche ist wie so oft nicht so richtig regelbar. Mit einem Regler, der auch wirklich nur eine Achse besitzt, regelt man Menge und Temperatur. Also wenig kalt oder viel warm. Nichts dazwischen. Und das Schönste: Man hockt dabei in den meist winzigen Nischen direkt unter der Brause und erlebt die Temperaturwahl hautnah mit.
Zurück am Wohnmobil sind die beiden zugekauften Campingstühle von Kätzchen besetzt. Heute ist der Sequoia Nationalpark dran. Und da bin ich nicht korrekt informiert. Es sind 2 Nationalparks und von Fresno aus muss ich durch den Kings Canyon Nationalpark und dann durch den Sequoia. Dahinter führt die Passstraße mich zu meinem nächsten Ziel Bakersfield. Oder auch nicht. Der zweite Park ist für Wohnmobile über 22ft nicht befahrbar. Macht nichts, die gesuchten Redwood Bäume gibt’s gleich im Kings Canyon und dann wiederholen die sich nur, erklärte uns eine Rangerin. Also sehen wir nur eine Hand voll, aber die haben es in sich. Was für Riesen. Irrwitzige Höhen und Durchmesser, alle kerzengrade. Man steht ehrfürchtig drunter und kann’s nicht glauben. Der Chef der Bande steht hier seit 1700 Jahren und hat einen Namen: „General Grant“. Grant steht alleine hinter einer Absperrung, während sich die anderen auch gerne mal gruppieren. Einer wurde vor hundert Jahren gefällt und liegt immer noch da. Man kann durch den Stamm hindurchgehen. Angeblich lebt er noch, er verändert sich seit vielen Jahren nicht mehr. Mit solchen Geschichten kann man kleine Kinder erschrecken. Und mich.
Wir fahren die Strecke wieder zurück und biegen nach Bakersfield ab, wo wir uns heute einen RV-Park suchen wollen. (RV = Recreation vehicle). Dieses Mal bin ich schlauer: Mein Sohn sitzt auf dem Beifahrersitz, die Mädchen können nur eine Seite der Fahrbahn durch das Fenster sehen. Und immer, wenn sich ein Einkaufscenter oder ein Outlet nähert, bringe ich einen Lastwagen zwischen den Shop und eben dieser Fensterscheibe. Kein Problem hier, man kann alle Spuren zum Überholen nutzen. Wirklich, dieses Land hat Gott gesegnet.
Der zufällig angefahrene RV-Park erweist sich als Juwel. Wifi, blitzsauber, günstig, nur gut angeordnete Plätze, durch die man hindurchfährt, statt rückwärts hinein setzen zu müssen. Dabei können wir das dank der taktischen Zeichen meiner Soldatenzeit inzwischen perfekt.
40 Grad im Schatten. Der Pool am Eingang ist leider gesperrt. Für meinen Blog brauche ich etwas besseres Wifi und das habe ich nur außerhalb des Wohnmobils. Drinnen ist es dank Stromanschluss aber klimatisiert. Ich versuche, den Rest der Bande herauszulocken, weil ich nicht alleine leiden will. Etwa so: Bakersfield sieht vom Wohnmobil genauso aus wie San Francisco. Und Portland und Yosemite. Es hilft nichts, nur mein Laptop leidet mit. Aber im Kühlschrank gibt’s Bier. Gerade jetzt scheint mir das viel wichtiger als mein Blog. Ich geh dann mal.

 

06. Juli, Las Vegas Arrival

 

Morgens in den blitzblanken und neuen Waschräumen bleibt es mir nicht verborgen, dass ich stets alleine bleibe. Logisch. Hier ist nicht mangelnde Hygiene das Problem. Die sonst anwesenden Wohnmobilmonster haben wahrscheinlich unglaubliche Badezimmer und sind natürlich komplett an die Versorgung angeschlossen. Einen Minnie Winnie gibt’s nur ganz selten ein zweites Mal. Und nur als Verleihwagen. Meiner hat 10.000 Meilen runter, ist also kein Jahr alt. Wo sind die älteren Wohnmobile aus den Verleihflotten? Liegen die in irgendeinem Canyon mit Leichen drum herum?
Zurück zu den Waschräumen: Da steht es plötzlich vor mir. Das erste vernünftige amerikanische Klo. Es erzeugt nicht mit 20 Litern einen schwächlichen Strudel, der sich oft umsonst mit menschlichen Resten abrackert. Nein, ein kurzer entschlossener Wasserschwall von kaum einem Liter, ein zufriedenes Rülpsen – erledigt. Wow, sie haben es endlich gemerkt. Bessere Klos – mehr Wasser für was Anderes. Dieses Klo kann die Welt retten. Ich schaue es noch einen Moment liebevoll an und dann muss ich gehen.
Genauso wenig, wie sie die Waschräume benutzen, trocknen sie Wäsche. Meines ist das einzige Mobil, das an Spiegeln und Markise und Campingstühlen mit Wäsche behangen ist. Die Amerikaner benutzen nur Trockner. Dabei dauert es bei der Hitze kaum 30 Minuten, bis die Sonne den Job erledigt hat. Zugegebenermaßen gibt es zuweilen Schilder, auf denen hängende Wäsche durchgestrichen ist. Keine Ahnung, was die mir sagen wollen.
Sonst hänge ich finsteren Gedanken nach, weil es heute in die Wüste geht. Auf der anderen Straßenseite beginnt die Mojave Wüste, da ist sicher noch heißer als hier.
Wir brechen früh aus Bakersfield auf. Ich habe eine Zwischenstation in Barstow eingeplant. In einem Outlet, ich fühle mich schlecht wegen gestern. Vorbei geht es an Büschen und vereinzelten Kakteen. Die Wüste ist keineswegs tot. Ein Schild zur Edwards Airbase zeigt sich und an einer Stelle jede Menge abgestellte Zivilflugzeuge.

In Barstow finden wir das Outlet und es sieht riesig aus. Es passen hier vielleicht 50 Geschäfte hinein, ganze 3 finden wir. Ein weiteres ist gesperrt, weil es letzte Nacht einen Einbruch gegeben hat. Vor der zerbrochenen Scheibe in der Gluthitze steht die ganze Zeit eine Polizistin. Jedes der drei anderen Geschäfte hat eine Bank davor im Schatten stehen. Sehr nett. Die Mädels kaufen nichts. Absurd teuer. Meine Mädels!
Wir geben dann noch ein Vermögen bei „Fat Burgers“ aus, wo sich die Burger aus zwei üblichen Pappen und gefühlt 100 Fragen zusammensetzen, was dazwischen soll. Die von mir zufällig ausgewählten Kombinationen sind oft nicht möglich. Nächstes Mal nehme ich die Pappe ohne was dazwischen, ich hasse diese Fragestunden.

Zuerst sitzen wir unter der Klimaanlage und werden dort schockgefrostet. Ein paar Plätze weiter ist es mit 18 Grad immer noch zu kalt. Wie so oft übertreiben sie es ein wenig mit der Kühlung. Manchmal fragt man sich, wie ihre Ahnen diesen Teil der Welt erobert haben – so ganz ohne Klimaanlage.

Auf dem weiteren Weg fahren wir durch 3 riesige Senken von vielleicht 20 Meilen Durchmesser. Erst 10 runter, dann 10 rauf. Es ist heiß, die Steigungen enorm. Ich schleiche dahin, denn wenn ich gut zu Minnie Winnie bin, ist Minnie Winnie es zu mir. Rechts sind sehr viele liegengebliebene Fahrzeuge. Reifenwechsel bei 45°C. Zerfetzte Reifen, rauchende Motoren. Ich nehme mir vor, heute Abend mit Minnie Winnie zu reden. Das mache ich zuhause mit meinen Opels so, und die haben mich immer nach Hause gebracht. Wer immer das hier liest: Funktioniert nicht mit Volkswagen.
Meine Besatzung bräuchte auch etwas Zuspruch. Vorne wirkt ja die Klimaanlage des Fahrzeugs, nicht aber hinten im Aufbau. Da funktioniert Klima erst, wenn man an einer Steckdose hängt. Es geht grad noch auf dem Sitz hinter dem Fahrer, aber der in der Mitte des Wohnmobils ist nicht mehr klimatisiert. Dort sitzt heute der Sohn und kriegt irgendwann keine Luft mehr. Seine Schwester wickelt ihn liebevoll in nasse Handtücher, aber sein Zustand verschlechtert sich zusehends. Dann tauscht die Schwester mit ihm und die Rollen vertauschen sich. Sie sehen nicht gut aus. Sind das überhaupt meine Kinder?
In der letzten Senke vor Las Vegas steht eine riesige Installation, die die Sonne nutzbar macht, indem tausende Spiegel drei zentrale Einheiten erhitzen, die den Strom erzeugen. Beeindruckend.

(Nachtrag: Es ist das Sonnenwärmekraftwerk Ivanpah, kostete 2,2 Milliarden Dollar und mag seine Kosten so bald nicht einspielen, es gibt immer noch Probleme. Unter anderem werden Autofahrer auf der Autobahn daneben geblendet, was ich bestätigen kann.)

Schließlich erreichen wir Las Vegas. Fast zuerst liest man die wohl größte Schrift an einem der riesigen Gebäude: „Trump“. Es kann einem schon die Laune verderben. Und dann finden sich all die Namen, die man schon mal gehört hat: Caesers Palace, Venetia, Treasure Island, Bellagio. Tatsächlich, die gibt’s wirklich. Wir haben eine Reservierung im ‚Circus Circus‘. Dort gibt es einen eigenen RV-Park. Der ist riesig und fast leer, wird sich im Verlaufe des Tages aber noch auffüllen.
Im Office kümmert sich eine gut gelaunte schwarze Mitarbeiterin um uns und erklärt mir das richtige einparken in dem für mich reservierten Spot, indem sie ein kleines Holzmodell auf einer Karte herumschubst. Ich kann mich nicht mehr beherrschen und wir müssen alle zusammen herzlich lachen. Es sei die Idee ihres Sohnes gewesen.

Nachdem Minnie Winnie geparkt und angeschlossen ist, gehen in den Pool und verbringen die Zeit im inzwischen klimatisierten Wohnmobil, bis es dunkel ist und nicht mehr so heiß. Ich schreibe meinen Blog, kann aber wegen des unsäglich schlechten Wifi einmal mehr nicht veröffentlichen.
Um 20:00 Uhr gehen wir auf den Strip. Wir erleben eine knallbunte, extrem teure Scheinwelt. Nicht meine Welt, ich will eigentlich nur wieder weg. Um 22:00 Uhr sind die Hotels leer und die Straßen voll, man kommt nicht mehr vorwärts. Der Unterschied zwischen arm und reich ist so krass wie nirgendwo sonst. Stretch Limousinen fahren an Gestalten vorbei, die oft mitten auf dem Gehweg schlafen. Hubschrauber transportieren VIPs, die sich mit dem Getümmel nicht abgeben wollen. Wir erleben eine Verhaftung aus einem Auto heraus mit. Nein, ich mag hier nichts, das ist nicht das Leben. Und Menschenmassen oberhalb von 2 Individuen halte ich sowieso für schädlich. Aber bleiben wir mal sachlich: Wir erleben den Vulkan am ‚Treasure Island‘ mit, ganz nett. Und vor den Menschenmassen flüchten wir ins Caesars Palace, wo wir gar kein Glücksspiel finden, sondern eine riesige Mall mit Statuen, einer Atlantis Show und Springbrunnen. Sogar ein künstlicher blauer Himmel schwebt über allem und ist täuschend echt gemacht. Es ist klimatisiert. Und die Preise all dessen erweisen sich als weiter steigerungsfähig. Das kleinste Eis, das „Starter“ gibt’s für 8 Dollar.
In dem Labyrinth verlaufen wir uns und fragen schließlich einen Wachmann nach einem Weg hier raus möglichst in Richtung „Circus Circus“. Der beantwortet unsere Frage gar nicht, sondern bringt nur sein Unverständnis zum Ausdruck, dass wir die Strecke tatsächlich gehen wollen. Es sind so 2-3 Meilen. Er stammelt nur was von Taxi. Das passiert uns nicht das erste Mal. Wir finden schließlich zurück und die Hitze hat uns in einen erbärmlichen Zustand verwandelt. Mich hält nur der Gedanke an die 2 Bier aufrecht, die ich zuvor in den Kühlschrank getan hatte. Eins nimmt meine Frau, eins mein Sohn. Sie träumten denselben Traum.

 

07. Juli, Las Vegas

 

Minnie Winnie hat heute Pause. Das weiß es auch, denn ich habe ja gestern Abend mit ihm geredet.

Bei gleißender Sonne verbietet sich der Gang zum Strip von selbst. Stattdessen besuchen wir unser hauseigenes Kasino, das Circus Circus. Wir können auch gar nicht anders. Der RV-Park liegt zwar direkt neben dem Strip, hat aber keinen Zugang. Nein, man muss durch das Parkhaus und das gesamte Erdgeschoss des Kasinos, bevor man durch einen unscheinbaren Ausgang zu den anderen Kasinos durchgelassen wird. Wir setzen uns an einen der vielen unzähligen einarmigen Banditen. Ich verstehe nicht, inwiefern ich das Spiel beeinflussen kann. Ich krieg immer 3 Siebenen nebeneinander, was ich für ein gutes Zeichen halte, aber nach vier Mal ist der Dollar weg. Meine minderjährigen Kinder sind schon vorher weg. Sie wurden augenblicklich aus dem Glückspielbereich entfernt. Also nicht reich.

Jedes Kasino verfügt über eine Einkaufsmeile, die wirklich hübsch anzusehen und natürlich sehr teuer ist. Daneben gibt es Shows oder andere Besonderheiten. Das ‚Circus Circus‘ hat natürlich einen Zirkus. Es ist auch nach außen so gestaltet. Allerdings werden in einer winzigen angedeuteten Manege nur dann und wann vereinzelte Nummern angeboten, nicht etwa Vorstellungen. Immerhin bedarf es keines Tickets. Da muss man nicht unbedingt gewesen sein.

Die zweite Attraktion ist der Adventuredome. In einer riesigen Halle befindet sich ein Freizeitpark. Man kann ohne Eintritt hinein und bezahlt für die Benutzung der Attraktionen einzeln oder per Tagesticket. Die meisten Attraktionen sind die bei uns von der Kirmes bekannten und fast durchgehend für die kleinen Gäste gemacht. Daneben gibt es zwei oder 3 Achterbahnen, die wirklich interessant gestaltet sind. Wer also kleine Kinder hat – bitte.

Die Zeit bis abends verbringen wir im Wohnmobil oder am Pool, der heute von Deutschen dominiert wird. Wir müssen Wunden lecken, denn soeben ist Deutschland gegen den Gastgeber Frankreich aus der Europameisterschaft geflogen. Im hinteren Bereich des Pools drückt sich eine französischsprachige Familie herum. Die müssen an uns vorbei zum Ausgang. Der Ausgang des Spiels ist ihnen nicht verborgen geblieben, sie tüfteln an einem Plan. Als sie an uns vorbeigehen, versichern sie ungefragt, sie seien aus Quebec.

Abends geht es wieder zum Strip, dieses Mal der Fontänen wegen mit Schwerpunkt Bellagio und danach auf der anderen Straßenseite zurück mit Schwerpunkt Venetia, wo vor und in dem Kasino Gondeln auf Kanälen fahren, deren stilecht aufgemachte Gondoliere auf Italienisch lautstark singen. Sehr hübsch. Die Mädels nutzen die letzte Gelegenheit zum Shoppen, lassen mich aber keinen Blick in die Tüten werfen. Allein die Tüten müssen schon irgendetwas Wertvolles an sich haben, so, wie die Mädels sie ansehen.

Dann nach Hause, Bier, schlafen, morgen verlassen wir Vegas. Es reicht dann auch.

 

08. Juli, Zion

 

Wir brechen heute früh los, gleich nachdem Papa das menschenleere Wohnmobil gedumpt hat. Zunächst kaufen wir ein und tanken. Ich habe es mir längst zur Angewohnheit gemacht, wieder aufzutanken, wenn der Tank auch nur halb leer ist. Es wäre mir ein Graus, in einer dieser menschenleeren Wüsten einen unerwünschten Aufenthalt einzulegen. Beim Einkaufen haben wir fast nur Getränke gekauft. Man entwickelt einfach keinen Hunger bei dieser Hitze.

Dann fahren wir den weiten Weg aus der Wüste in nordöstliche Richtung zum Zion Nationalpark. Dabei wird es wieder kälter – oder sagen wir angenehmer – und die Landschaft wird wieder grün. Lange vor dem Park fahren wir schon durch gewaltige Canyons. So gefällt uns der Urlaub schon viel besser. Der Wechsel von Nevada nach Utah bringt uns wegen einer Stunde Zeitverschiebung eben den Verlust dieser Stunde. Also kommen wir eigentlich zu spät an. In den nördlichen Teil des Parks kommt man nur mit einem freien Bus, was nun zeitlich nicht mehr passt. Also fahren wir die geplante Strecke mit dem Wohnmobil zur anderen Seite des Parks von West nach Ost. Die Landschaft und die Steinformationen sind auch hier schon imposant genug. Zwischendurch mussten wir 15$ Maut für einen Tunnel zahlen, der immer nur aus einer Richtung befahren werden kann. Und Wohnmobile müssen genau in der Mitte fahren, weil die Durchfahrt der halbkreisförmigen Röhre seitlich zu niedrig ist. Die riesige Landschaft hatte sich durch übereinander gelaufene Lava geformt.

Gleich hinter diesem Park liegt der reservierte Campingplatz. Grüne Stellflächen, ein Pool (mit lauter Kleinkindern drin) und eine ungewohnte Landschaft im Hintergrund. Einige der Felsen sehen schon aus wie die Bryce Canyon – Formationen, die wir nur von Fotos kennen. Bis morgen.

 

09. Juli, Bryce Canyon

 

Wir müssen – ganz was Neues – sehr früh aufstehen. In der Nacht hatten wir anfangs Hitze, dann Kälte, dann Nasenbluten durchzustehen. Die Hälfte der Mannschaft hat Kopfschmerzen. Das frühe Aufstehen wird durch eine besondere Eigenschaft der Amerikaner erleichtert. Wenn die mit ihrem Fahrzeug etwas vorhaben, wird zuerst der Motor eingeschaltet. Die Packerei kann dann noch eine halbe Stunde dauern, Hauptsache, der Schiffsdiesel dröhnt schon mal durch den Canyon. Ein kleiner persönlicher Vorteil wird durch eine Riesenumweltsünde erkauft. Das Auto wird noch nicht einmal gekühlt, denn die Türen stehen ja offen. Sie wissen es nicht, sie denken nicht so. Sie fangen aber doch damit an. Woher sonst die Fahrräder, die kleinen Autos, die Elektrofahrzeuge in mancher Stadt. Auf dem Campingplatz mit den Dickschiffen gelten aber noch andere Gesetze. Nochmal zu den Fahrrädern: Entlang der letzten 40 Meilen zum Bryce Canyon ist ein sehr gut ausgebauter Radweg entlang des Highway 89 zu sehen. Ohne irgendein Fahrrad. Ich muss aber zugeben: Ohne Schatten bei 40 Grad hätte ich so meine Schwierigkeiten mit diesem Radweg. Trotzdem ist er da. Und nochmal zur Umweltsünde: Nachdem Minnie Winnie sich durch die allabendlichen Gespräche ernst genommen fühlt, hat er ausgehandelt, dass er mich zwar ans Ziel bringt, aber dafür noch viel mehr als abnormal viel saufen darf. Ich tanke jetzt jeden Tag für 70$ und kriege dafür 170 Meilen.

Auf dem Campingplatz gab es bereits eine solche Felsformation in klein, wie wir sie heute später im Bryce Canyon sehen sollten. Der Ranger am Parkeingang gibt mir zuerst eine detaillierte Auflistung all dessen, was Minnie Winnie nicht darf: Rumstehen, egal wo. Er drohte martialische Strafen an und wurde dann erst freundlich. Also lassen wir Minnie Winnie bei der erstbesten Gelegenheit stehen. Es ist auch die letzte; wenig später um vielleicht 10:00 sind alle Parkplätze im Park belegt. Außerhalb gibt es auch welche. Kein Problem, all diese Plätze werden von kostenfreien Shuttles angefahren. Wir stiegen durch zufälligen Entscheid bei der zweiten Station nach dem Visitor Center wieder aus und machten alles richtig. Das ist der hauptsächliche Aussichtspunkt, der weiter oben ist gesperrt. Von diesem aus gingen wir zwei Stunden lang am Rand des Canyons zurück zum Minnie Winnie und holen uns einen Sonnenbrand.

Der Bryce Canyon und viele weitere Formationen dieser Art entstanden während und nach der Eiszeit. Das Eis spaltete die Felsen und floss dann ab. Da wäre ich nicht drauf gekommen, man vermutet ja meistens einen Vulkan als Schuldigen. Wie auch immer – sehr einprägsamer Anblick.

Dann ist wieder Papa mit den täglichen Fahrstunden dran, während die Mannschaft schläft und eine Menge unglaublicher Landschaften auf dem Weg nach Page am Lake Powell verpasst. Sagenhafte Steinlandschaften. Bewuchs nur in Siedlungen durch Menschen. Es ist einfach nur eine Steinwüste und bei manchen von denen fragt man sich, wer die so hingestellt hat. Bis ich es besser weiß: Vulkane natürlich. Kurz vor Page fahren wir über einen Staudamm, der den künstlichen Lake Powell wohl begründet. Herrliches blaues Wasser, aber dutzend Meter hohe Wände ringsherum aus Stein. Nichts Grünes. In Page angekommen darf Minnie Winnie saufen und wir zu Pizza Hut. Auf der Karte entdecken wir ein Familienarrangement, was uns die Fragestunde nach all den Zutaten erspart.

Heute ist kein Campingplatz gebucht, ich habe ohnehin nur an touristischen Brennpunkten reserviert. Es war nie ein Problem, in dieser amerikanischen Ferienzeit im Juli einen Campingplatz zu finden, man hatte immer einen Platz für uns. Selbst auf den reservierten Plätzen waren immer noch Plätze frei. Heute wurde es schwieriger. In Here Maps, unserem Offline Navigationssystem, sind keine Plätze verzeichnet. Google Maps kannte welche, hat aber den Betrieb eingestellt, weil unser amerikanisches Handy mit ATT den Dienst versagt. Später lerne ich: In Page gibt es ATT nicht. Also besinnt man sich uralter Zivilisationstechniken, wie ich sie bei der Bundeswehr gelernt habe. Man fährt mit dem Panzer irgendeinem armen Wurm fast auf die Füße und fragt dann freundlich nach dem Weg. Die Amerikaner waren nicht beeindruckt, blieben aber freundlich. Wir fanden einen Platz mit Pool und Wifi von morgens 3:00 bis 3:10. Zu allen anderen Zeiten sind erfahrungsgemäß zu viele Menschen im Netz.

Die Tochter klagt abends lautstark, dass die Duschen immer dann, wenn jemand die Klospülung betätigt, heiß werden, weil der Wasserdruck der Kaltwasserleitung entfällt. Verweichlichte Zicke.

Meines Wissens war da noch ein Bier und Minnie Winnie will nachverhandeln…

 

10. Juli, Grand Canyon

 

Während die Familie noch schlafen darf, gehe ich zu den Waschräumen. Beim Duschen durchdenke ich den heutigen Tag, bis jemand die Klospülung betätigt. Das nimmt dem Druck vom kalten Wasser, übrig bleibt das heiße. Der heiße Strahl brennt mir ein paar Furchen in den Pelz.

Das Klo ist wie gewohnt wieder gemütlicher Natur und lässt sich mit viel Wasser viel Zeit, ohne etwas zu bewirken. Ich drücke deswegen dreimal drauf und störe mich nicht weiter an den Schmerzensschreien aus den Duschen. Vom vierten Mal Drücken hält mich dann aber doch eine Drohung ab.

Ich hatte den billigeren Platz mit Strom und Wasser, aber ohne Abwasser genommen. Wozu auch Abwasser, es gibt immer einen zentralen Platz zum Ablassen und da steht man auch nur 5 Minuten. Nur – die Abwasserstation ist mit einem Schloss versehen, dessen Schlüssel man in der Rezeption bekommen soll. Die wird erst um 11:00 geöffnet. Also suche ich einen leeren Stellplatz am Rand des Parks mit Abwasser und Minnie Winnie erledigt seine Notdurft dann eben dort.

Beim Einfahren verhakt sich die Markise von Minnie Winnie, die Reparatur ist leicht. Vermutlich seine Rache, denn unser Verhältnis ist etwas abgekühlt.

Heute ist der Grand Canyon dran, der Höhepunkt der Reise. Auf dem Weg dorthin setzt sich die Wild West Landschaft mit den großen Steinen fort und es gibt kaum Vegetation. Man fährt von einer monumentalen Landschaft in die nächste und stumpft etwas ab. Vor unserem Ziel wird es wieder grün und abseits der Straße brennt der Wald, worauf Leuchtschriften hinwiesen. Man lässt ihn aber einfach brennen. Mitunter soll der neue Bewuchs ja ganz gesund für einen Wald sein.

Der rechts und links des Randes wieder grüne Grand Canyon selbst überrascht uns dann aber doch. Sowas von monumental. 260 Meilen lang, 1,6 Meilen tief und 10 Meilen von Rand zu Rand. Man erfasst es erst, wenn man davor steht. Der Colorado hat sich hier über 4 Millionen Jahre durch Schichten von Sedimenten gleich mehrerer ehemaliger Meere gefressen. Wir besuchen eine Reihe von Aussichtspunkten und das Visitor Center. So etwas haben alle Parks und man kann hier Filme über alles Interessante rund um diese Landschaft sehen.

An einem Aussichtspunkt erscheint eine Gruppe junger Amerikaner mit verbundenen Augen, die mit den Händen auf der Schulter des Vordermannes von ihrer Reiseleitung am Rand des Canyons aufgestellt werden. Dort dürfen sie die Binden abnehmen. Sie klingen so, als hätten sie gar nicht gewusst, dass es heute zum Grand Canyon geht. Kann einem das verborgen bleiben?

Auf der Weiterfahrt suchen wir uns einen Campingplatz der KOA Kette bei Williams. Ich habe Internet und einen Pool. Die Rezeption ist wie ein Saloon im Western gestaltet und davor gibt es einen Schaukelstuhl, da sitze ich jetzt drin. Wie vor vielen Jahren vielleicht der Sheriff. Und Bier haben die hier auch.

 

11. Juli, Fahrtag, Route 66

 

Bis zum letzten Nationalpark, dem Joshua Tree NP, ist es zu weit, darum werden wir heute nur fahren und den Platz erst morgen erreichen. Wir schlafen aus und verlassen unseren Campingplatz in Williams spät. Seit zwei Tagen sind wir übrigens in Arizona, heute werden wir wieder in Kalifornien sein. Ich fahre zunächst durch grüne Landschaften nach Kingman, dort kaufen wir ein und tanken. Und wieder kommt mir ein Bekleidungsgeschäft in die Quere – 200$. Es gibt eine Kleinigkeit bei KFC, dann geht es weiter. Südlich von Kingman setzen wieder Wüstenlandschaften ein. Bei Needles verlassen wir den Highway, um heute bis Blythe im Südosten vom Joshua Tree NP zu kommen. Kurz vorm Verlassen erreichen wir eine Kontrolle, der sich jeder unterziehen muss. Eine Polizistin will von mir wissen, woher wir kommen, merkt an meinem Gestammel, dass ich Tourist bin und beantwortet die Frage selbst: „Grand Canyon“. Ich nicke und darf weiterfahren. Uns erwartet eine Überraschung: 2 Meilen Route 66! Er verbindet die beiden Straßen, die wir benutzen müssen. Ab jetzt sind wir wieder in Kalifornien. Der exakt in südlicher Richtung verlaufende Highway 95 führt wieder durch eine Wüste ohne Bewuchs und verläuft wie eine Achterbahn durch die Hügel immer rauf und runter. Unterwegs kontaktiere ich einen Campingplatz in Blythe, der sofort zusagt. Auf den letzten Kilometern wird die Wüste wieder grün und es wird Landwirtschaft betrieben. Das Wasser dafür kommt aus dem Colorado, der genau hier entlang fließt, nachdem er den Grand Canyon verlassen hat.

Der Campingplatz ist eine Wucht. Er liegt am Colorado und wir erhalten einen Spot exakt am Abhang zum Wasser. Die Waschräume sind super und der Pool ist erstmals tatsächlich benutzbar, denn hier fehlen die vielen selbstsüchtigen Winzlinge, die alle Pools bisher unbenutzbar machten. Übrigens ist jeder Pool mit Verbotsschildern zugekleistert, gesprungen wird trotzdem.

Es sind hier 42°Grad. Neben uns ist eine Vorrichtung zum Slippen und wir sehen einige wirklich großzügig dimensionierte Boote im Colorado.

Wir überlegen, einen weiteren Tag hier zu bleiben, der uns dann eben in Los Angeles fehlt. Es wäre ein Tag richtiger Urlaub. In Los Angeles sind ohnehin Unruhen ausgebrochen, weil weiße Polizisten in anderen Landesteilen 2 weitere Schwarze aus nichtigen Anlässen erschossen.

Heute erleben wir den schnellen Sonnenuntergang noch draußen mit. Es gibt hier schlanke schwarze Vögel, vielleicht unseren Amseln vergleichbar, die keine einfachen Laute ausstoßen, sondern ihre Stimmen sehr exotisch variieren können. Die waren das erste Mal in Vegas auf dem Campingplatz und seitdem auf jedem weiteren.

 

12. Juli, Colorado Holiday

 

Wir haben beschlossen, das Programm auszusetzen und hier einen Tag mehr zu verbringen. Ich habe durchgerechnet, dass ich das Programm zweier Tage auch an einem schaffen kann und das ist dann eben morgen.

Natürlich gibt’s von einem faulen Tag bei 45° im Colorado und am Pool wenig zu berichten. Man nutzt jeden Schatten aus und hat wenig mehr als Wasser im Sinn. Und Bewegung ist schädlich, lernen wir. Zum Beispiel Müll wegbringen. Ich habe das beste Argument, den Müll nicht wegzubringen: „Wer sich um die Scheiße kümmert, muss nicht auch noch den Müll wegbringen.“

Als ich den Müll wegbrachte, lernte ich Mike kennen, das Highlight des Tages. Er schmiss offensichtlich einen Teil seines Hausrates in den Müll und ich half ihm ein wenig. Dafür ließ er mich an seinem Weltbild teilhaben. Hier mal ein paar Auszüge:

  • Die Amerikaner haben Deutschland in beide Weltkriege gezwungen, Hitler hat alles Erdenkliche für den Frieden getan.
  • An allem sind eben doch die Juden Schuld.
  • Obama provoziert zur Stunde Putin, der übrigens ein sehr aufrechter Politiker ist, mit einem zwölfteiligen EMP Sprengkopf (sowas schaltet die Lichter aus und noch schlimmer – die Handys, Anmerkung der Redaktion) zu einem Atomschlag auf Amerika, was zu einem Weltkrieg führt, was wiederum die Wirtschaft auf Null setzt.
  • und Mike schmeißt seinen Hausrat weg, weil der nicht mit in den Container nach Uruguay passt, in das er noch diese Woche auswandert. Und tatsächlich steht neben Mikes räderlosem Trailer ein Container.

Das sind nur Auszüge, an mehr kann ich mich nicht erinnern. Hitze frisst Hirn. Ich hatte von solchen Amerikanern gehört. Ich verzichte darauf, meine Meinung darzulegen und verabschiede mich höflich. Nächstes Mal bringt wer anders den Müll weg.

Über den Campingplatz verläuft eine Pipeline, zur Querung des Colorados wird sie per Brücke auf vielleicht 20 Meter angehoben. Durch Verstrebungen wird das Rohr in alle Richtungen versteift. Ich rätsele, was da wohl durchgeleitet wird und tippe auf Öl. Das riesige Land mit den gefräßigen Autos will versorgt werden und dafür waren einfach zu wenig Tanklastzüge auf den Straßen. Die paar, die wir sahen, hatten Lebensmittelaufschriften. Das hier also könnte die Lösung sein. Morgens erscheint ein zweiköpfiges Wartungsteam, das einen bestimmt 40 Meter hohen Pfeiler hinaufklettert und dort bei 45 Grad den ganzen Vormittag mit Hämmern und Kontrollen verbringt. Es stört kaum, es ist zwar genau über unseren Köpfen, aber mit geschätzt 40 Metern weit weg. Ich habe mächtigen Respekt vor diesem Knochenjob. Wie viele Meter dieser Pipeline dieser Tage wohl nötig waren, um den Sprit für Minnie Winnie in die Wüste zu befördern…

 

13. Juli, Joshua Tree, Walk of Fame

 

Horrortag. Das Programm zweier Tage muss heute durchgezogen werden. Habe Angst, verheimliche es aber meiner Mannschaft.

Zunächst haben wir noch einen Kaufauftrag, nämlich Medikamente zu besorgen, die es in des USA billiger gibt. Aber weder in einem Pharmazie Shop noch bei Wal Mart werden wir fündig und müssen schließlich aufgeben.

Auf dem Weg zum Joshua Tree Nationalpark fahren wir durch die Colorado Wüste und töten dabei zahlreiche kleine gelbe Schmetterlinge. Sie fliegen zu tausenden kreuz und quer über den Highway. Etliche wären noch am Leben, hätte ich auf meine Reise verzichtet. Wie auch diese Reise nicht besonders umweltfreundlich ist. Ich werde mehrere Male die Welt auf dem Fahrrad umrunden müssen, um das wieder gut zu machen.

Am Parkeingang steht kein Ranger, man soll sich selbst zum Bezahlen im Gebäude daneben melden. Dank der Jahreskarte bezahle ich nichts und bekomme Informationsmaterial über den Park. Oft gibt es das in Deutsch, hier aber nicht.

Wie üblich passiert über viele Kilometer rein gar nichts. Ringsum ist Wüste, spärlich besiedelt von kleinen Bäumen und Büschen. Dann kommt ein Kaktusgarten. Es ist nur eine Art, aber die stehen bis zum Horizont. Später dann die eigentliche Sensation des Parks: Joshua Trees. Erst vereinzelt, dann zu tausenden. Wirklich eindrucksvoll, es sind aber keine Bäume, sondern es sind Lilien. Ich bin viele Extrameilen gefahren, um am südlichen Parkeingang einzufahren und am nordwestlichen Eingang wieder herauszufahren. Unnötig. Alles Wesentliche hätte man auch gesehen, wenn man nordöstlich eingefahren wäre. Das hätte die Parkumrundung erspart.

Nach dem Nationalpark sind es noch über 100 Meilen nach Los Angeles. Trotzdem fängt die dichte Bebauung schon sehr bald an und endet nicht mehr. Auch die Straßen sind schnell bei 6 Spuren angekommen. Und man ist hier nicht so freundlich wie weiter nördlich. Kaum ein Fahrzeug lässt mich die Spur wechseln. Also nehme ich mir mein Recht, meistens bin ich schließlich größer. Und siehe da – sie können doch hupen, wo sie doch sonst so friedlich sind. Die Spuren in beide Richtungen sind mindestens zähflüssig, meistens stehe ich. Der Verkehr ist genauso schlimm, wie ich es aus dem Fernsehen von L.A. kenne. Hier ist das Auto nur noch ein Nachteil. Smog, Verkehr, Menschenmassen – ich muss hier nie wieder her.

Downtown ist von weitem zwar zu sehen, liegt aber im Smog. Ich steuere den „Walk of Fame“ an und zwischendurch sehen wir den Hollywood Schriftzug. Das mit dem „Walk of Fame“ hätte ich lieber gelassen. Ganz blöde Idee mit dem Wohnmobil. Ich kann nicht immer rechtzeitig die Spur wechseln und kreise daher mehr um das Ziel, als das ich drauf zu fahre. Und schließlich sind die Straßen so eng, dass der Gegenverkehr mich zuerst durchlassen muss. Ich sehe sonst auch kein einziges Wohnmobil. Ich kann gar nicht die Verkehrsregeln zählen, die ich ignoriere und die Gemeinheiten, die ich begehen muss. Schließlich finde ich eine Nebenstraße kaum 100m neben dem Walk of Fame. Da kann ich in einer Einfahrt stehen und muss folglich im Auto bleiben. Kaum ist der Rest der Familie weg, kommt die „Parkpolizei“ in einem dieser niedlichen kleinen Dreiräder, von denen ich dachte, die gibt’s nur im Film. Während ich versuche, ein blödes Grinsen zu unterdrücken, jammere ich: „Wenn ich jetzt wegfahren muss, finde ich meine Familie nie wieder.“ Der Polizist drückt zunächst beide Augen zu und raunt mir zu, er käme in genau 30 Minuten wieder und dann stünde ich besser nicht mehr hier. Meine Familie erscheint rechtzeitig. Danach geht der Kampf um jeden Spurwechsel noch weiter, bis wir schließlich am Balboa RV Park ankommen. Es ist einer von nur 4 Parks in Los Angeles und man war eben dabei, das dreißigste Wohnmobil abzuweisen. Ich hatte schon im Februar gebucht und bezahlt und wurde ausgesucht behandelt. Erstmals geht jemand vor meinem Mobil her, weist mich auf meinen Platz ein und will dann auch noch alle Anschlüssen für mich erledigen. Als ich das ablehne, schiebt er wenigstens noch Auffahrkeile unter die Räder, damit das Mobil nicht schief steht. Sehr schön. Wir standen übrigens all die Wochen selten grade und es hat uns nichts ausgemacht.

Heute bin ich mal so richtig fertig. Morgen dann die Universal Studios.

 

14. Juli Universal Studios

 

Morgens stellt sich heraus, dass in den Nachbarfahrzeugen, einem alten Wohnmobil und einem alten Wohnwagen, Kreative aus der Filmbranche leben. Ein Stuntman, ein Kameramann. Mit Ihnen wohnen 95 weitere Menschen dauerhaft auf dem Campingplatz. Das Leben ist hier billiger, viele fahren am Wochenende dann in ihr eigentliches Heim weit außerhalb von Los Angeles. Überhaupt hatten viele Campingplätze derartige Dauerbewohner, sicherlich meist aus Kostengründen. Es finden sich auch viele Rentner, die als Vagabund noch etwas von der Welt sehen möchten und ihr bisheriges Leben aufgelöst haben. Wir waren nie auf staatlichen Plätzen, dort sind die Preise sehr niedrig und die Not der Dauerbewohner soll ziemlich groß sein.

Heute stehen die Universal Studios auf dem Programm. Wir starten früh, um dort einige Attraktionen möglichst früh mit wenig Wartezeit zu erleben. Der morgendliche Verkehr gab uns einen weiteren Einblick in den katastrophalen Verkehr und 8 Meilen zogen sich sehr in die Länge. Dabei war der Campingplatz schon nahe an den Universal Studios.

Das Parken erweist sich als gut organisiert. An den fraglichen Ecken stehen stets Einweiser und ich platziere mein Mobil bald zwischen einigen Artgenossen in einer Ecke für Wohnmobile. 25 Dollar.

Eintritt 115 Dollar. Pro Nase, keinerlei Ermäßigung. Es gibt weit teurere Karten, mit denen darf man einfach an den Warteschlangen vorbeigehen. Und noch viel teurere Karten, dann geht jemand vor einem her an den Warteschlangen vorbei. Geschätzt 20% der Besucher hatten derlei Karten. Solche Klassensysteme halte ich für begrenzt hinnehmbar. Natürlich darf sich jeder ein viel besseres Auto kaufen, als ich eines besitze, was übrigens nicht allzu schwer sein sollte. Aber er hat gefälligst an der roten Ampel direkt neben mir zu halten. Nun, hier ist das anders und das ist schon mal eine glatte 6.

Wir besuchen zuerst die Studiotour. Wartezeit 10 Minuten. Dabei wird man etwa eine Stunde in einem busähnlichen Gebilde durch die unterhalb des Parks gelegenen Studios und Kulissen gefahren. Wirklich sehr interessant. Dabei sind auch mehrere Attraktionen. In zwei 4D rundum Kinos wird man ordentlich durchgeschüttelt. Einmal ist man mittendrin im Film King Kong, in dem ein Affe und Saurier miteinander raufen und dabei wenig Rücksicht auf die Zuschauer nehmen. Und später auf dieselbe Weise ein Feuergefecht aus „Fast and Furious“, wo einem schon mal eine Rakete um die Ohren fliegt. Donnerwetter. Sowas kannte ich nicht, das könnte die Zukunft des Kinos sein. Vergleichbar VR. Dann ist da noch was mit weißer Hai und ein Weltuntergang in einer U-Bahn-Station.

Die anderen Fahrattraktionen sind mit Wartezeiten von mindestens einer Stunde versehen und wir sparen uns das. Daneben gab es Shows, die wir alle sehen. „Special Effects“ Und „Waterworld“ waren mit Abstand die besten. Man muss ja den Film „Waterworld“, der wohl ein Flop war, nicht mögen, aber die Show ist schon unglaublich. Die Schauspieler sind sogar ähnlich denen im Film ausgesucht. Nur die damalige Hauptdarstellerin ist nicht gut getroffen. Dafür ist sie ein ziemlich flinkes Biest, was ihr das Leben sichert. Bei der Nummer wäre ich gleich mehrmals umgekommen.

Wir begegnen noch einer Familie von Strohhüten, die mit affenartiger Geschwindigkeit unseren Weg kreuzt. Meine Mädchen schwören drauf, ‚Adam Sandler‘ erkannt zu haben. Ich widerspreche vorsichtshalber nicht. Es kann nichts schaden, den als Attraktion auch noch eingesammelt zu haben, wenn ich meiner Frau irgendwann den Eintrittspreis in die Universal Studios beichten muss. Irgendwie gehört der ja auch mehr hierher als ich. Und bestimmt hat der die Karte, mit der er an den roten Ampeln vorbei darf. Eigentlich mag ich ihn gar nicht.

Und, war das alles nun 485 Dollar für eine Familie wert? Nein! Einziges Argument: Man ist wohl nur einmal im Leben da und würde sich ewig ärgern.

Wir fahren noch einige Meilen kreuz und quer durch L.A. Das Navi versucht, die vollgestellten Highways zu umfahren und schickt mich durch L.A. Das ist zwar interessant, der schmalen Straßen und vielen Ampeln wegen aber nervenaufreibend. Schön sind die Kreuzungen, bei denen alle 4 Einmündungen mit Stoppschildern gekennzeichnet sind. Man darf in der Reihenfolge des Ankommens weiterfahren und stellt Einigkeit durch Blickkontakt her. Sehr effektiv und es funktioniert gut.

Der Campingplatz ist dieses Mal in Long Beach gelegen, weil in der Nähe die Abgabe des Wohnmobils stattfindet. Das „Golden Gate Trailer Resort“ ist hübsch gelegen, 2 Meilen entfernt ist Long Beach, eine Meile entfernt liegt die Queen Mary 1 an der gegenüberliegenden Hafenseite. Das sind die letzten Attraktionen dieses Urlaubs, die uns noch einen zweistündigen Spaziergang wert sind.

Auch hier gibt es jede Menge Radfahrer und da geht mir doch glatt das Herz etwas auf. Die weinerliche junge Dame, die mit blutenden Knien ihr Fahrrad hinter uns herschiebt, blende ich einfach mal aus. Vor einem Aquarium stehen bestimmt hundert junge Leute in Gruppen herum, aber alle beschäftigen sich mit den Smartphones. So intensiv hatte ich das noch nicht gesehen. Es gibt aber eine Erklärung: In den USA wurde Pokémon Go soeben freigeschaltet, eine Woche vor Deutschland.

Danach sind wir wie üblich fix und fertig und besuchen noch den Pool und den Whirlpool des sehr gepflegten Campingplatzes. Im Whirlpool wird es nochmal interessant. Neben mir sitzen 2 Amerikaner mit mexikanischem Migrationshintergrund, nennen wir den einen mal Jose. Sie unterhalten sich auf Englisch, Jose nuckelt nebenbei an einer Bierdose. Als die leer und Jose übermütig gelaunt ist, hebt er sie hoch und brüllt über den Campingplatz „Auffüllen“ („Refill“). Er hört auch nicht auf. Aber wenn ich mich sonst gestört fühlen würde, bin ich hier doch auf den Ausgang des Experiments gespannt. „Auffüllen“. Wenn das bei seiner Mexikanerin funktioniert, dann vielleicht auch bei meiner Russin. Ich bräuchte nur eine leere Dose. Also bleibe ich geduldig, obwohl Jose – gut genährt und kugelrund – doch recht nervig ist. Und tatsächlich kommt nach 5 Minuten eine adrette Mexikanerin angelaufen. Ohne Dose. Mit einer Hand zieht sie Jose am Ohr aus dem Pool, mit der anderen entreißt sie ihm die Dose und schlägt damit einmal gegen seinen Kopf. Für Jose ist der Tag damit vorbei.

 

15. Juli, LA – Hannover

 

Morgens machen wir das Wohnmobil sauber, packen die Koffer und essen die Reste. Die beiden dazugekauften Campingstühle haben wir schätzen gelernt, aber sie passen nirgendwo hinein. Ich erledige ein letztes Mal mein „schmutziges Geschäft“ des Dumpens. Dann tanken wir ein letztes Mal und bringen das Wohnmobil zur in der Nähe gelegenen Station von unserem Vermieter Apollo.

Dort sieht sich eine junge Dame das Wohnmobil ausführlich an. Sie entdeckt keine neuen Schäden und übersieht auch die leichten Kratzer am Außenspiegel. Decken und Kissen müssen wir in die bereitgestellten Container werfen. Und ganz zum Schluss entdeckt sie bei einem tiefen Blick ins Klo „Poo“, obwohl ich meinen Job sehr gewissenhaft erledigt hatte. Offenbar gibt es noch eine „Flush“ Funktion, von der ich ob der flüchtigen Einweisung aber nichts wusste. Die Gebühr für die Nachreinigung seitens Apollo beträgt 150 Dollar. Der Niederlassungsleiter kommt hinzu und gegen ein Trinkgeld erledigt das der rangniedrigste Mitarbeiter und wir reden nicht weiter drüber. Dann hätte ich eigentlich die Kaution von 1500 Dollar wiederbekommen sollen, die mir in Seattle von meiner Visa Karte abgebucht worden war. Dort aber hatte niemand die Zahlung in das System eingebucht, so dass ich auch nichts wiederbekommen kann. Es nützt mir auch nichts, die Abbuchung mit der Bank App auf meinem Handy nachweisen zu können. Man verspricht, sich gleich Montag drum zu kümmern, denn in der australischen Firmenzentrale ist längst der Tag zu Ende. (Nachtrag: Dienstag hatte ich das Geld zurück.)

Ich hatte sechs 500 Meilen Pakete gebucht, 2800 Meilen geplant und bin 3005 Meilen gefahren. Man sah bei Apollo großzügig über die 5 Meilen hinweg.

Wir fahren mit Uber XL (etwas größeres Fahrzeug) zum Flughafen und treten unsere Heimreise an.

Dabei ist das Flugzeug über den Atlantik ein Airbus 380, das letzte Highlight der Reise. Und eine Enttäuschung. Er fliegt wie die anderen Flugzeuge und schüttelt sich in Turbulenzen wie die anderen. Wir haben weit weniger Platz als in der A330-300 auf dem Hinweg und das Unterhaltungssystem ist bereits komplett veraltet, die Touchscreens reagieren kaum. In den kaum zurückzustellenden Sitzen ist der Flug eine Qual. Muss ich nicht wiederhaben.

Der Flug von Paris nach Hannover ist Routine, die letzte Fahrt mit dem eigenen Auto nach Hause aber nicht. Ich lasse die ermattete Familie im Flughafen zurück und fahre mit dem Shuttle aufs Außengelände, um mein Auto zu holen. Das allerdings rührte sich nicht, ich hatte in der Hektik vor drei Wochen die Innenbeleuchtung angelassen. Also rufe ich den ADAC und warte an der Schranke. Nach 5 Minuten kommt jemand, um den Automaten mit neuen Tickets aufzufüllen und sieht mich fragend an: „Batterie alle?“. Und tatsächlich hat er ein Ladegerät dabei und setzt mein Auto binnen 5 Minuten in Betrieb. Es gibt wohl ausreichend Trottel wie mich. Jetzt bloß nicht ausgehen lassen…

Das war unser Abenteuer, unser Leben hat uns wieder und dieser Blog endet. Danke für’s Interesse.